Wissenschaftlicher Kongress zu E-Zigaretten in London 

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Am 15. November fand zum sechsten Mal der E-Zigarettenkongress „E-Cigarette Summit“ in London statt. 24 internationale Gesundheitsexperten und Vertreter von gesundheitspolitischen Organisationen haben in ihren Vorträgen in der Royal Society wichtige Aspekte und Entwicklungen der wissenschaftlichen und politischen Debatte zur E-Zigarette vorgestellt.

Leitsatz der Veranstaltung: Um die Möglichkeiten der Schadensminimierung zu nutzen, die E-Zigaretten für die Verbraucher bieten können, ist es von entscheidender Bedeutung, die Regulierung auf das richtige Niveau zu setzen.

Hier folgen Auszüge aus einigen der Präsentationen.*

  1. Professor Virginia Berridge, London School of Hygiene and Tropical Medicine

Virginia Berridge ist Professorin für Geschichte an der London School of Hygiene and Tropical Medicine und Gründungsdirektorin des dortigen Zentrums für Geschichte im Gesundheitswesen. Außerdem ist sie Senior Editor History für die Zeitschrift Addiction und Leiterin einer nationalen Studie, die historische Fakten und Richtlinien in Bezug auf E-Zigaretten in Australien, Großbritannien und den USA untersucht.

Vortrag
In ihrem Vortrag vergleicht Prof. Berridge die Regulierung der E-Zigarette in Australien und Großbritannien.

Während das Vereinigte Königreich einen der liberalsten Ansätze zur Verringerung von Tabakschäden besitze, habe Australien die Nutzung von nikotinhaltigen eLiquids verbotenGründe dafür seien die unterschiedlichen Erfahrungen mit Tobacco Harm Reduction in den beiden Staaten. Im Gegensatz zu Großbritannien würden Vorurteile die Regulierung der E-Zigarette in Australien bestimmen und nicht die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Und dies, obwohl Australien den gleichen Zugang zu den Fakten hätte wie Großbritannien.

Als Glücksfall bezeichnet Virginia Berridge die Einschätzungen von Public Health England, die sich nicht mit den bestehenden Vorurteilen zur E-Zigarette befasse, sondern eine faktenbasierte und offene Haltung vertrete.

  1. Deborah Arnott, Direktorin Action on Smoking and Health UK

Deborah Arnott ist eine international anerkannte Expertin für Tabakkontrolle und eine der Autorinnen des WHO-Rahmenübereinkommens zur Tabakkontrolle mit besonderem Interesse an der Regulierung von Nikotin und der Schadensminderung. Sie ist Honorarprofessorin an der University of Nottingham und Mitglied der Tobacco Advisory Group des Royal College of Physicians. Für ihren herausragenden Beitrag zur öffentlichen Gesundheit wurde sie 2007 von der Fakultät für Gesundheitswesen mit dem Alwyn Smith-Preis ausgezeichnet.

Vortrag
Deborah Arnott stellt fest, dass die Raucherquote aufgrund einer umfassenden Tabakkontrollstrategie in Großbritannien schneller sinke. Eine wirksame Schadensreduzierung liege dann vor, wenn Raucher vollständig auf E-Zigaretten umstiegen. Die Erfolgsquoten seien hervorragend. Im Jahr 2006, also kurz bevor E-Zigaretten in Großbritannien in Erscheinung traten, lag die Raucherquote bei 33 Prozent. Jetzt liegt sie bei 17 Prozent. Im Gegensatz dazu sind die Raucherquoten in der EU nur von 32 auf 26 Prozent gesunken.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied sei die große Zahl der Tabakstopp-Versuche. 46,3 Prozent der Raucher aus dem Vereinigten Königreich versuchten 2016, mit dem Rauchen aufzuhören. Dies war der höchste Prozentsatz im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, wo die Quote von den Niederlanden (31,5%) bis zu Ungarn (10,4%) deutlich variiert. E-Zigaretten seien das wahrscheinlichste Mittel für einen Tabak-Stoppversuch in Großbritannien mit etwas mehr als 50 Prozent im Vergleich zu nur fünf Prozent in Spanien.

Schlussfolgerung von Deborah Arnott: Es würden Massenmedienkampagnen und Aktionen benötigt, um die Öffentlichkeit in Bezug auf E-Zigaretten aufzuklären.

  1. Dr. Konstantinos Farsalinos, Universität Patras, Griechenland

Konstantinos E. Farsalinos, MD, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Onassis Cardiac Surgery Center in Athen (Griechenland), an der Abteilung für Pharmazie der Universität Patras (Griechenland) und an der National School of Public Health (Griechenland). Seit 2011 führt er als Hauptuntersuchungsleiter Labor- und klinische Studien zu E-Zigaretten durch. Bis Ende 2018 veröffentlichte er mehr als 70 Studien und Artikel in internationalen, von Experten begutachteten wissenschaftlichen Zeitschriften über Rauchen, die Verringerung von Tabakschäden und E-Zigaretten.

Vortrag
Dr. Farsalinos referiert über die Finanzierung der Forschung zu E-Zigaretten. Geld werde nicht zur Verfügung gestellt, um Probleme zu lösen, sondern um Probleme zu finden. Ein Beispiel sei der Gateway-Effekt. Es gäbe viel Forschung, um zu beweisen, dass ein Gateway von E-Zigarettennutzung zum Rauchen existiere, aber wenig Forschung über den Gateway vom Rauchen zum Dampfen. Dies sei eine Ursache für Vorurteile gegen das Dampfen. Schließlich sehe Dampfen wie Rauchen aus, es werde wie Rauchen verwendet, also müsse es schlecht sein.

Dr. Farsalinos fordert, dass den Menschen genaue Informationen über die Risiken verschiedener Produkte gegeben werden, um Entscheidungen über ihre eigene Gesundheit treffen zu können. Als Basis für diese Information müsse das aktuelle Wissen über die tatsächlichen Risiken dienen.

  1. Dr. Lion Shahab, Professor University College London

Dr. Shahab ist Dozent für Gesundheitspsychologie am University College London. Er verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Tabakkontrolle, mit besonderem Interesse an neuartigen Verhaltensstörungen und pharmakologischen Maßnahmen zur Raucherentwöhnung sowie der Regulierung von Tabakerzeugnissen.

Vortrag
Thema seines Vortrags ist der Gateway-Effekt (E-Zigaretten könnten Nichtraucher zum Rauchen verleiten). Bei der Bewertung der Gateway-Theorie gäbe es eine Reihe von Problemen. In der Literatur wären beispielsweise nur Beobachtungsdaten verfügbar, da es unethisch wäre, eine randomisierte Studie durchzuführen.

Seine Schlussfolgerungen: Die Auswirkungen des Dampfens auf die Raucherquote bei Jugendlichen seien entweder gleich null oder vernachlässigbar. Während die Wissenschaft weiterhin Daten überwachen und die Ergebnisse gegenseitig validieren müsste, deuteten die besten verfügbaren Beweise bereits darauf hin, „dass wir uns nicht um einen Gateway-Effekt sorgen müssen“.

  1. Professor Robert West, Gesundheitspsychologe, University City College London

Robert West ist Professor für Gesundheitspsychologie und Direktor der Tobacco and Alcohol Research Group am University College London. Außerdem ist er Chefredakteur der Zeitschrift Addiction. Als Co-Autor der englischen Richtlinien zur Raucherentwöhnung lieferte er den Entwurf für das britische Netzwerk von Raucherentwöhnungsdiensten, das mittlerweile zum etablierten Bestandteil des britischen National Health Service zählt.

Vortrag
Prof. West beschäftigt sich mit der Frage, wann und wie medizinische Fachkräfte ihren Patienten die E-Zigarette empfehlen sollten. E-Zigaretten seien mit Sicherheit weit weniger schädlich als Rauchen. „Sie sind beliebt und viele Raucher scheinen problemlos zu ihnen wechseln zu können“.

Die englischen Daten zeigten nicht nur, dass die Verwendung von E-Zigaretten die Erfolgswahrscheinlichkeit des Tabakstopps verdoppelt. Auch die Wahrscheinlichkeit, nach dem Aufhören rauchfrei zu bleiben, würde fast verdoppelt.

Seine Empfehlung: Raucher sollten sofort zur E-Zigarette wechseln. Wenn es nicht funktioniere, könnten sie später etwas anderes ausprobieren.

  1. Peter Hajek, Professor für Klinische Psychologie, Queen Mary University of London

Peter Hajek ist Professor für klinische Psychologie und Direktor der Abteilung für Tabakabhängigkeit am Wolfson Institute of Preventive Medicine der Queen Mary University in London. Seine Forschung befasst sich in erster Linie mit dem Verständnis des Gesundheitsverhaltens und der Entwicklung und Bewertung sowohl verhaltensbezogener als auch pharmakologischer Behandlungen für abhängige Raucher. Professor Hajek ist Mitglied einer Reihe von Expertengruppen, Beratungsgremien und Redaktionsausschüssen und hat über 350 Publikationen verfasst oder mitverfasst.

Vortrag
Im Vortrag von Prof. Hajek geht es um die Möglichkeit, mit E-Zigaretten einen Tabakstopp herbeizuführen. Dafür werden Daten aus dem Euro-Barometer ausgewertet. Sechs Prozent aller Raucher, die in Europa aufgehört haben, haben dies mithilfe von elektrischen Zigaretten geschafft. Im Vergleich dazu haben zwar sieben Prozent der ehemaligen Raucher mit Nikotinersatz-Produkten aufgehört. Jedoch gäbe es diese Produkte bereits seit 35 Jahren, elektrische Zigaretten seien viel jünger.

Für Peter Hajek zeigt sich, dass E-Zigaretten bei weitem die beliebteste Art zum Aufhören seien, und selbst wenn sie nur so effizient wären wie andere Hilfsmittel, würden sie vielen Menschen helfen. Außerdem täten sie dies, ohne dass es dem Gesundheitssystem Kosten verursachen würde.

  1. Clive Bates, Direktor, Counterfactual Consulting Ltd

Von 1997 bis 2003 war Clive Bates Direktor von Action on Smoking and Health (UK) und setzte sich für die Reduzierung der durch Tabak verursachten Schäden ein. 2003 trat er als Beamter der Strategieeinheit von Premier Tony Blair bei und war in leitenden Funktionen im öffentlichen Sektor und bei den Vereinten Nationen im Sudan tätig. Heute ist er Direktor von Counterfactual, einer Beratungs- und Anwaltschaftspraxis, die sich auf einen pragmatischen Ansatz in Bezug auf Nachhaltigkeit und öffentliche Gesundheit konzentriert.

Vortrag
Clive Bates fokussiert die Wahrnehmung der E-Zigarette durch Institutionen, Gesundheitsorganisationen und Medien. Institutionen könnten zweierlei Schäden anrichten: Schaden durch Zulassungen und Schaden durch Verbote. Unglücklicherweise würden sich Institutionen darauf konzentrieren, mögliche Schäden durch ein Verbot von etwas zu verhindern, und verstünden oft nicht, dass das Verbot von etwas auch Schaden verursachen könne. Die Vertreter der öffentlichen Gesundheitsorganisationen würden E-Zigaretten als Affront gegen die Autorität der öffentlichen Gesundheit bewerten. Einige Gesundheitsorganisationen sähen ihre Aufgabe darin, den Menschen vorzuschreiben, was sie tun sollten. Die Medien seien „besessen“ von Klicks, was zu „lächerlichen“ Schlagzeilen wie „Dampfen genauso schädlich wie Rauchen“ führe.

  1. Norman Lamb, Vorsitzender des britischen Wissenschafts- und Technologieausschusses

Norman Lamb ist seit 2001 liberal-demokratischer Abgeordneter von North Norfolk. Nachdem er als Minister in der Abteilung für Wirtschaft, Innovation und Qualifikationen tätig war, wurde er im September 2012 zum Minister für Pflege und Unterstützung der Abteilung für Gesundheit ernannt. Er war von 2015 bis 2017 Sprecher der Liberaldemokraten im Gesundheitswesen und wurde zum Vorsitzenden des Wissenschafts- und Technologieausschusses gewählt. Im August 2018 hat sein Ausschuss einen umfassenden Report zu E-Zigaretten veröffentlicht. Darin fordern die Abgeordneten die Regierung auf, die E-Zigarette deutlich positiver zu bewerten als bisher.

Vortrag
Norman Lamb stellt in seinem Vortrag Ergebnisse des kürzlich veröffentlichten E-Zigaretten-Reports seines Ausschusses vor. Unter anderem geht es um E-Zigarettennutzung im öffentlichen Raum. So sei es auf einem Drittel der Grundstücke des National Health Systems (NHS) Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht erlaubt, E-Zigaretten zu nutzen. Und dies, obwohl 40 Prozent dieser Patienten Raucher seien. Lamb fordert eine klare Positionierung des NHS in Bezug auf psychisch Erkrankte und Dampfen, um diesem Problem zu begegnen.

Für Norman Lamb beruht die gesundheitliche Ablehnung von E-Zigaretten auf Vorurteilen und nicht auf Tatsachen.  NHS England müsse die Verantwortung für E-Zigaretten übernehmen, anstatt alles dem öffentlichen Gesundheitswesen in Großbritannien zu überlassen.

  1. Kuiama Thompson: Rochdale Borough Council

Kuiama Thompson ist eine hochrangige Registratorin für öffentliche Gesundheit und derzeit im Rochdale Borough Council tätig. Sie arbeitet seit über zwölf Jahren im Bereich der Öffentlichen Gesundheit in Greater Manchester und leitet verschiedene Arbeitsprogramme. Sie ist sehr daran interessiert, die gesundheitlichen Ergebnisse zu verbessern und gesundheitliche Ungleichheiten unter den am stärksten benachteiligten Personen zu verringern.

Vortrag
Kuiama Thompson berichtete von einem sehr erfolgreichen Experiment in Nordengland. 1000 E-Zigaretten wurden an Raucher mit geringem Einkommen verschenkt. Ergebnis: Nach vier Wochen hatten 63 Prozent der Befragten das Rauchen mithilfe der E-Zigaretten aufgegeben. Die beliebtesten Aromen der ehemaligen Raucher waren Fruchtaromen. Thompson betonte, dass der Schlüssel für den Erfolg der Strategie die Tatsache war, dass die E-Zigaretten kostenlos waren.

Damit endet dieser erste Blick auf die Ergebnisse des E-Cigarette Summit in London. Weitere Inhalte werden vorgestellt, sobald die einzelnen Beiträge veröffentlicht sind.

*Teile der Inhalte stammen von James Dunworth aus dem Blog von E-Cigarette-Direct, der die Veranstaltung journalistisch begleitet hat.